Guter Werkstoff – richtiger Einbauort?


Innovationen sind wichtig und gut, zumindest in den Bereichen, wo es um die Sicherheit geht. Das gilt gleichermaßen für das Auto wie für das Dachdeckerhandwerk.Neuerfindungen sind auch wichtig, aber – sind sie immer gut, oder werden sie immer richtig angewandt?
Im Laufe der letzten Jahre hat sich eine Menge im Dachdeckerhandwerk getan. Neues Material und neue Ausführungen erobern ständig den Markt. Es gibt aber Produkte, die für unser Gewerk weder erfunden worden sind, noch konnte sich Jemand vorstellen, daß solche Produkte überhaupt an Stellen im Bereich des Daches eingesetzt werden, die zumindest nachdenklich stimmen sollten.

Nichts gegen Neuerfindungen, aber ich gebe zu bedenken, daß die alte Handwerkskunst zum Teil verloren gegangen ist. Das wäre ansich nicht weiter tragisch, wenn da nicht auf der anderen Seite das Bedürfnis wäre, alte und traditionelle Bauweisen zu erhalten und zu pflegen.
Manchmal gilt auch hier wie beim Computer: never change a running system. Oder anders ausgedrückt: viele Ausführungen, die sich über Jahre entwickelt haben, funktionieren auch heute noch.
Wer beherrscht aber noch die alten handwerklichen Ausführungen? Wer kann z. B. einen First noch mit Mörtel aufsetzen, geschweige denn, den Mörtel noch selber ansetzen? Wer kann noch alte Hohlziegel verstreichen? Wer kann noch in Strohdocken decken? Nur, um mal ein paar Beispiele aufzuzeichnen.

Ein Werkstoff hat im Dachdeckerhahndwerk Einzug gehalten, der in weiten Teilen auf dem Dach nichts zu suchen hat.
Die Rede ist hier von dem PU-Schaum aus der Dose.

Wo früher Fugen in den Dämmstoffen vermieden wurden, sauber gearbeitet wurde, da wird heute mit Pu-Schaum aus der Dose nicht mehr gespart. Hierbei ist es dem “Schäumer“ sogar egal, ob es sich dabei um ein Dach oder eine Fassade handelt.

Wo früher die Längs- und Querfugen mit Mörtel verstrichen wurden, da kommt heute der PU-Schaum ungeniert zum Einsatz.

Wo früher Ausspitzer im Bereich von Graten mit Löchern versehen oder eingekerbt wurden und mit Draht gegen das Abrutschen gesichert wurden, da löst heute eine Raupe aus PU-Schaum die Problematik des Abrutschens.

Wo früher Kehlen mit Mörtel schneedicht gemacht wurden, Kehlbänder das später überflüssig machten, da werden heute große Mengen PU-Schaum verbaut.

Die Folgen sind hinlänglich bekannt.
Undichte Steildächer, deren Regensicherheit nicht mehr gegeben ist.

Er scheint ein wirkliches Wundermittel der Neuzeit zu sein. Egal, ob er aus der Dose ist, oder als “Abdichtung” auf dem Flachdach als PUR-Ortschaum verarbeitet wird, das Material scheint durch die Vielseitigkeit zu bestechen.
Das hat nun wieder zur Folge, daß der “Kreativität” der Verbraucher dieser Schäume keine Grenzen aufgezeigt werden.
Wie sonst ist es zu erklären, daß Schaum aus der Dose z. B. verwendet wird, um Fenster einzusetzen, Türzargen zu fixieren, oder - wie oben beschrieben - Fugen in Wärmedämmverbundsystemen zu schließen, Aus- und Einspitzer bei Dachziegeln und –steinen anzukleben, Kehlen “abzudichten”, Firste und Grate aufzusetzen, oder luftdichte Schichten bei Auflattdämmsystemen oder Aufsparrendämmsytemen mit Absegnung des Herstellers herzustellen?

Dabei wird sich um die negativen Folgen solchen Tuns keinerlei Gedanken gemacht.

Einer der größten Nachteile ist, daß PU-Schäume in der Regel nicht dauerhaft UV-beständig sind. Die geschlossenen Zellstrukturen werden durch UV-Strahlungen zerstört, der Schaum beginnt sich zu verfärben, zu zerbröseln und wird Niederschlagswasser aufnehmen.
Nicht nur, daß im Bereich von Graten bei der Verwendung von Schäumen, die die Ausspitzer halten sollen und deshalb oftmals als schöne Schaumraupe zum einen an der Dachlatte zum anderen an den Ausspitzern geführt werden, die Entlüftung der Ebene Eindeckung / Unterspannung, Eindeckung / Unterdeckung zerstört wird, hier wird auch die Gratlatte selber gefährdet. Sie dient über die Befestigungsmittel der statischen Aufnahme der Kräfte, die auf den Gratziegel durch Eigenlasten und Windlasten wirken.
Wird nun die Latte beidseitig eingeschäumt und dieser Schaum zerfällt wie oben beschrieben durch die nahezu unvermeidliche UV-Bestrahlung (auch indirekt ), zieht also Wasser, dann wird die Latte anfangen zu verfaulen und die statischen Eigenschaften gehen unwiederbringlich verloren.

Auch in Bereichen von Kehlen hat der Schaum aus der Dose nichts zu suchen.
Die nicht vermeidbare indirekte Bestrahlung bewirkt den Zerfall des Schaumes und fördert auch hier die Wasseraufnahme. Kehlbohlen oder sogar weitere Unterkonstruktionen aus organischen Materialien fallen dem Zerfall zum Opfer.

Bei Firstlatten werden ebenso wie Gratlatten die Halterungen, meistens sind das auf Länge geschnittene senkrecht stehende Lattenreste, oftmals in Auflatten-Dämmsysteme oder Aufsparrendämmsysteme eingeschäumt.

Der Schrumpf des Holzes bewirkt, daß diese selbstgebastelten Halterungen häufiger völlig losgelöst von der restlichen Konstruktion sind. Von einer Lastenaufnahmemöglichkeit kann hier dann nicht mehr die Rede sein.
Einige Hersteller empfehlen z. B., Fugen bei Auflatten-Dämmsystemen und bei Aufsparrendämmsystemen mit PU-Schaum aus der Dose zu verschließen.

Ansich eine feine Sache, wäre da nicht der Nachteil, daß die meisten Schäume keiner Wärmeleitgruppe zugeordnet werden können. Bei der Neuerstellung einer Dämmung werden so schon teilweise extreme Wärmebrücken eingebaut. Diese Art der Technik sollten die Hersteller tunlichst überdenken.

PU-Schäume als billigen Ersatz für die Planung für Luftdichtschichten zu verwenden ist aus Sicht des Autoren ebenfalls mehr als fahrlässig.

Bereits in der DIN 4108 wird eindeutig beschrieben, daß PU-Schäume nicht dauerhaft geeignet sind, luftdichte Anschlüsse zu erstellen.
Der Grund ist ganz einfach. Der Schaum ist nach dem Schäumen mehr oder weniger hart. Die thermischen Längenänderungen anderer Materialien in der Umgebung, die unterschiedlichen Quell- und Schwindverhalten von organischen Substanzen wie dem Holz des Dachstuhles entwickeln meistens größere Kräfte, als die Schäume aufnehmen oder überbrücken können. Die Folgen sind feine Rissbildungen, durch die die feuchtwarme Innenluft mehr oder weniger ungehindert dringen und die in weiterer Folge die Konstruktionen nachhaltig schädigen kann. Weiterhin wird es Probleme mit dem Schallschutz geben, denn solche Rissbildungen oder Fugen lassen Schallwellen nahezu ungebremst hindurch.

Irgendwann hat die Industrie auch die Oberseiten der Dächer entdeckt und Produkte hierfür entwickelt. PUR-Ortschäume wurden und werden auf der Baustelle hergestellt. Hierbei werden zwei oder mehrere Substanzen vor Ort vermischt und im sogenannten Spritzverfahren aufgetragen. Suggeriert wird oftmals, daß hierdurch eine neue Dichtigkeit des Daches gegeben sei und gleichzeitig, als angenehmes “Abfallprodukt” sozusagen, eine zusätzliche Wärmedämmung aufgebracht würde.
Falsch! PUR-Ortschäume sind lediglich als zusätzliche Dämmungen zugelassen. Werden sie auf Dachflächen verarbeitet, dann sind ganz klar die Vorschriften der Energieeinsparverordnung einzuhalten. Und da sind dann schon recht dicke Schichten vorzusehen, denn auch hier gilt die Problematik der Wärmeleitgruppe.

Die Funktion der Dichtigkeit dieser Art der Maßnahme erfolgt nur über die erforderlichen Coatings. Und hier kommt der Autor wieder ins Grübeln, denn er fragt sich, wie solche Systeme in die Fachregeln des deutschen Dachdeckerhandwerks zu integrieren sind, oder besser, wie weit sie diesen Fachregeln entsprechen. Aus Sicht des Autoren ist weder eine Integration, noch eine Konformität mit den Fachregeln möglich.

Aus der technischen Sicht besticht aber auch hier die Vielzahl der Möglichkeiten des PU-Schaums.

Anschlüsse werden mühelos überschäumt und in der Fläche sollen homogene Verbünde entstehen.

Die Art des Untergrundes ist dabei fast egal. Haften muß er aber schon. So kann man ebenso über Glasflächen wie über Asbestzementwellplatten schäumen und auch bei alten Bimsdielendächern, mit deren teilweise ausgeprägten Dehnungsfugen, gibt es gem. der Verarbeiter wenig bis gar keine Probleme.

Das die erforderliche UV-Beständigkeit nur durch entsprechende Schutzanstriche, die ständiger Pflege und Wartung unterliegen, gewährleistet werden kann, wird leider oftmals zu wenig berücksichtigt. Schäden und nicht mehr zu sanierende Dachflächen können das belegen. Ein teurer Abriss wird erforderlich, von den Entsorgungskosten für das Material mal abgesehen.

Das persönliche Fazit des Autoren ergibt demnach, daß der viel verwendete PU-Schaum sicherlich eine gute und hilfreiche Erfindung ist, die es aber nur für angemessene Bereiche zu verwenden gilt.

Der gut ausgebildete Dachdecker, der die traditionellen Bauweisen kennt und umsetzen kann, ist sicherlich im Vorteil.

Es lohnt meistens nicht, Neuerungen oder Erfindungen, die vermeindlich hilfreich sind, unkritisch zu übernehmen oder zu verwenden.
Wer Erfahrung hat, der kann zwischen den möglichen Nachteilen und den ebenso möglichen Vorteilen seriös abschätzen. Die Auftraggeber haben einen Anspruch auf funktionierende Eindeckungen und Abdichtungen. Werden wird diesen Ansprüchen gerecht und lassen Möglichkeiten, die Bauchschmerzen bereiten könnten, einfach weg.
Die Qualität eines Daches wird auch und oftmals sogar in erster Linie von der Fähigkeit des Verarbeiters geprägt. Ein guter Verarbeiter wird sich zuverlässiger und dem Einsatzzweck entsprechender Materialien bedienen.

© stefan ibold, planungsgruppe dach, 19.03.2004