Ist der Kupferfirst die Lösung aller (Dreck-)Probleme?
Ähnlich
wie bei den Dachbeschichtern, die dem deutschen Hauseigentümer
einreden wollen,
ein nachträglich beschichtetes Steildach,
egal welche Art der Eindeckung vorhanden ist,
würde eben
durch ihre Beschichtung länger halten und der Bewuchs und
Verunreinigungen
würden nachhaltig beseitigt, so „erfinden“
immer wieder „Geschäftsleute“ neue Mittelchen,
die
Dachflächen reinigen und nachhaltig sauberhalten sollen.
Warum braucht man das???
In einem Flyer der
Arbeitsgemeinschaft
Ziegeldach werden die Ursachen der Verunreinigungen
oder
Begrünungserscheinungen von Dachflächen sehr eindrucksvoll
beschrieben.
Im Grundsatz sind diese Erscheinungen nicht
schädlich für die Eindeckung.
Dennoch
drängen umtriebige und
selbsternannte Bautenschützer auf den Markt,
die genau das
Gegenteil behaupten.
Eines der Highlights dieser Mitmenschen ist
der nachträglich aufzubringende Kupferfirst.
Mit
schönen Bildchen auf den Homepages oder in Broschüren wird
der Beweis der Funktionalität
dieser Erfindungen „erbracht“.
Im direktem Vergleich von „vorher und nachher“ werden
Dächer
abgebildet, die angeblich bereits nach 24 Monaten nach
der Montage des ultimativen
Kupferfirstes sich selbständig
und vollkommen gereinigt hätten.
Ebenfalls
als „Beweis“ muß auch noch der mit Kupfer
bekleidete Kaminkopf herhalten oder die Gaube,
deren Stirn- und
Seitenflächen ebenfalls mit Kupfer bekleidet sind. Hier –
so die Argumentation – würde
sich ja schließlich
unterhalb der Bekleidungen keine Verunreinigung zeigen. Folglich muss
das
bei der Montage von Kupfer im Firstbereich für die
gesamte Dachfläche gelten.
Allein die Hersteller verschweigen die wahren Ursachen für das Erscheinungsbild.
Dr. Helmut Protzer und
Dipl. Ing. Fritz Röbbert beschreiben in einem downloadbaren
Sonderdruck der
Homepage des deutschen
Kupferinstituts sehr schön die Schichtenentstehung der
Patina bei
Kupfer.
Nach der Lektüre dieses Artikels und
der Einschaltung des logischen Menschenverstandes
kommt der Leser
zu drei Fragen:
Wie
kann es sein, daß die Reinigung angeblich auch bei stark
konturierten Ziegeln/Dachsteinen
auf den oberen Bereichen (den
Deckkrempen oder den Mittelwulsten) eintritt?
Wenn
wirklich soviel Kupferionen, die notwendig wären, daß das
beschriebene Ergebnis der
Reinigung eintritt, „ausgewaschen“
werden, wie soll Kupfer dann unbegrenzt halten und
vor allem,
wie groß muß die Fläche sein, die die Ionen
freistellt?
Was passiert nach der Bildung der natürlichen Patina, die Kupfer bildet?
Der Autor wird auf die drei Fragen eine schlüssige Antwort geben.
Zu
Frage 1 kann gesagt werden, daß nicht allein das Kupfer im
Bereich der Kamine Ursache für die
Nichtbildung von
Verunreinigungen ist.
Würde nämlich, wie behauptet,
einzig das Auswaschen von Ionen zuständig sein, dann würden
diese
gar nicht wegen der Schwerkraft, der auch das Wasser folgen
muß, auf die Oberkanten der
Deckkrempen oder Mittelwulste
gelangen können. Die Folge wäre eine Wirkung nur im
Wasserlauf der
Deckmaterialien, im Erfolgsfall also ein vertikal
gestreiftes Dach.
Bei
den Fällen, bei denen die „Selbstreinigung“ am
deutlichsten auftritt, ist meistens eine Ölheizung
beteiligt.
Bei der Verbrennung von Öl entstehen unter anderem leicht
schweflige Säuren, die Pflanzen
nun mal nicht mögen. Und
nur dann, wenn sich die Säuren mit dem Regenwasser verbinden und
anschließend auf die in der Nähe befindlichen
Dachziegel/Dachsteine abregnen, nur dann kann in Verbindung
mit
Luftströmungen und Verwirbelungen überhaupt die Wirkung
auch auf den Deckfalzen eintreten.
Zu Frage 2 Die
verschiedenen Hersteller angeblich reinigender Firste aus Kupfer oder
auch von
Kupferbändern, die im Bereich der Firste oder Grate
aufgeklebt werden, versuchen durch
innovative Formgebung der
Kupferoberflächen größere Wirkungsgrade zu
erzielen.
Bieten einige noch den vollflächigen Abschluß,
also gerade Blechkantungen auf den Firsten und Graten, an,
verändern
andere diese durch mehr Kantungen, in denen das Niederschlagswasser
länger verweilen und
dadurch mehr Ionen aufnehmen soll.
Wieder andere stellen Arten her, die eher an einen alten
metallischen
Topfschwamm erinnern denn an ein Bauteil für das
Dach.
Hintergrund
bei allen ist jedoch, daß die Hersteller offenbar erkannt
haben, daß es große Flächen sein
müssen,
die überhaupt zu einem Erfolg führen könnten.
Und
in der Tat, es müssen große Flächen sein, wollte man
kleinere Flächen über einen begrenzten
Zeitraum frei
von Moosen und Algen halten oder gar zu reinigen.
Zu Frage 3 Nach
dem Einbau wird sich sehr schnell die Korrosion einstellen. D. h.,
die Patina wird sich
bilden, was an der zunehmend dunklen
Verfärbung der Oberfläche abzulesen ist.
Die Anzahl der
ausgewaschenen Ionen verringert sich dabei allerdings recht wenig.
Trotzdem
ist sehr deutlich, daß Kupfer allein nichts oder zumindest
sehr, sehr wenig bewirken würde.
Wie weiter oben beschreiben
muß also mindestens ein weiterer Faktor hinzukommen. Und hier
muß der
Autor wieder auf den Schwefel zurückkommen.
Der Schwefel wird benötigt, damit sich bei dem Kupfer
überhaupt
Sulfate bilden können.
Wenn man sich aber nun vor Augen
führt, daß der Verschmutzungsgrad mit Schwefelanteilen in
der Atmosphäre
sich in den letzten Jahren um einen Faktor
von ~30 (Tendenz steigend) verringert hat, dann wird wiederum klar,
daß die Systeme, die hier angepriesen werden, nicht oder
nur sehr wenig funktionieren. Und wenn man
weiter berücksichtigt,
daß die Luft zumindest im europäischen Raum noch
schwefelärmer werden soll,
dann kommt die Wirkung zum
Erliegen.
Letztlich ist die saubere Luft mit dafür
verantwortlich, daß sich überhaupt Moose und Algen auf den
Dächern
bilden können. An der Neubildung oder gar an
einer Reinigung der Dachflächen sind die
Kupfervorrichtungen
jedenfalls nicht im großen Stil
beteiligt.
Beobachtungen
und Untersuchungen zeigen zudem sehr eindruckvoll, daß auch
andere Metalle eine Verringerung
oder Minderung der Moos- und
Algen-Bildung hervorrufen.
Der Autor hat das nachfolgende Bild von
einer Homepage eines Anbieters von Kupferfirstelementen
„ausgeliehen“.

Bei
der Betrachtung fängt der Autor von oben an. Selbst wenn der Kamin mit
Kupfer bekleidet und eingefasst ist,
er steht nicht auf der uns zugewandten Seite des Daches. Ein direkter Kontakt
mit dem Kupfer und dem dort
anfallenden Niederschlagswassers ist also unmöglich. Die Haube entwässert
zu den Seiten, kommt also als treibende
Kraft ebenfalls nicht in Frage.
Dann die beiden Dachflächenfenster. Zumindest die Schürze der Einfassung
der Fenster besteht aus Blei.
Erkenntlich an der Farbe, dem Grauton. Der restliche Rahmen könnte sowohl
aus Aluminium oder sogar Zink
bestehen. Auch hier sind deutlich Ablaufspuren mit „reinigender Wirkung“
erkennbar.
Die Ursache kann aber wirklich nicht das Kupfer sein.
Bleibt
noch anzumerken, daß bei metallischen Werkstoffen allgemein in
Verbindung mit z. B. Abgasen, oder
regionalen Luftinhaltsstoffen,
die sich an den Metallen niederschlagen und dort zu leichten Säuren
umwandeln,
der gleiche Effekt eintreten kann. Es ist zu vermuten,
daß senkrechte Metalloberflächen bei bestimmten
Witterungsbedingungen die Feuchtigkeit aus der Luft „anziehen“
und dort abgelagerte Schadstoffe in höherer
Konzentration
abwaschen, wenn die Wassermoleküle eine Größe
erreicht haben, die sie zum Abtropfen bringt.
Strömungstechnische
Ursachen, z. b. Verwirbelungen im Bereich von Gauben, oder
Abfliessgeschwindigkeiten
von anfallendem Niederschlagswasser
mögen diesen Effekt zusätzlich
unterstützen.
Interessanterweise können aber auch
unterhalb von Kaminen und Dachflächenfenstern gegenteilige
Beobachtungen
gemacht werden. Die gesamte Dachfläche ist mehr
oder weniger frei von Algen- oder Moosbildung. Unterhalb
von
Dachflächenfenstern und Kaminen sind die (in diesem Fall
bei Betondachsteinen) Dachflächen hingegen jedoch
grün.
Dieses Phänomen widerspricht aber nicht den oben getätigten
Aussagen. Es ist vielmehr so, daß noch
unterstrichen wird,
daß es nicht Einzelfaktoren sein können, die eine Wirkung
hervorrufen oder nicht.
Als
Fazit kann aus Sicht des Autoren festgestellt werden, daß die
angepreisenen Kupferelemente, unabhängig von
dem Umstand der
Montage auf dem First oder Grat oder unterhalb/daneben, keine so
ausgeprägte Wirkung haben können,
wie dieses gern von
den Herstellern behauptet wird.
Als
letzten Hinweis möchte der Autor zusätzlich vor der Gefahr
waren, daß bei dem Einsatz von Kupfer oberhalb von
niederen
Metallen wie z. B. Zink/Titanzink, eine zerstörende Wirkung
aufweisen wird.
© stefan ibold, planungsgruppe dach 2004 Artikel als pdf Datei zum Ausdrucken