Dach + Wand 2003

Tja, es stellt sich wiedereinmal die Frage, ob die Messe wirklich in jedem Jahr stattfinden muß.

Insgesamt machte die Messe einen recht übersichtlichen Eindruck. Der Glanz der großen Messen scheint stumpf geworden zu sein.
Obwohl man sagen kann, daß die Messe ansich besser organisiert schien, als die im vergangenen Jahr in Frankfurt.
Die Hallen waren besser nach den jeweiligen Themen bestückt. So waren die Metaller in einer Halle, die Ziegler ebenfalls in einer und auch die übrigen Stände passten inhaltlich besser zusammen.

Vom Eingang Ost aus kommend, wurde der Besucher vom Wappen der Hansestadt Hamburg - in Schiefer gehauen - begrüßt.
Dann präsentierte die Innung Hamburg ein Modell, an dem ein Reetdach eingedeckt wurde. Hier bildete sich dann auch folgerichtig die erste Menschenmenge, ist doch Reeddecken ein nahezu ausschließlich norddeutsches Gewerk.


Wappen in Schiefer gehauen

Einen wichtigen Raum dieser Messe nahm die öffentliche Kundgebung in dem Obergeschoß der Halle 1 ein.
Der ZVDH Präsident erklärte in einer Grundsatzrede, daß es aus Sicht des Handwerks keinen Sinn machen würde, den großen Befähigungsnachweis abzuschaffen und darauf zu hoffen, daß durch Neugründungen Arbeitsplätze geschaffen würden. Es brauchte nicht mehr Betriebe, es brauchte mehr bezahlbare Arbeit in Deutschland.
Es wäre nach seiner Ansicht sinnvoller, die Mehrwertsteuer für den Bereich der handwerklichen Arbeiten statt wie nun in Schleswig Holstein angedacht zu erhöhen, diese zu senken.

Auch in Sachen Ausbildung müßte einiges geschehen.
Der Rede des Präsidenten folgte ein lang anhaltender Applaus.


Eindecken eines Reetdaches.

Wer nun auffallende Innovationen erwartete, der wurde in Hamburg wiedereinmal enttäuscht.
Auch wenn es im kleinen Rahmen dennoch Neuerungen gab, die eigentlich pfiffig sind.
Direkt neben einem großen Hersteller von Dachflächenfenstern, klein und fast ein wenig verschämt fanden wir eine echt innovative Geschichte.
Es handelt sich dabei um ein elektrisch betriebenes Dachflächenfenster der besonderen Art. Werden bei den herkömmlichen Fenstern die Flügel nach oben oder seitlich geklappt, hat hier ein Motor die Aufgabe übernommen, einen Fensterrahmen nach oben, unter ein weiteres starres Element zu fahren.

Mit nahezu unbegrenzten Spannweiten, sowohl seitlich als auch in der Höhe, können hier große Lichtflächen geschaffen werden. Als Zubehör empfielt sich ein Regen- und Windsensor.


Schnitt des neuen Fensters.

Aber auch die gute alte „Pappschindel“ läßt sich zumindest optisch noch aufwerten.
Als deutsche Schuppenschablonendeckung geformt, hab ich das auch noch nicht gesehen.


Wirklich „innovativ“ waren hingegen die Aussagen eines Herstellers eines Aufsparren-Dämmsystems aus Polystyrol-Elementen.
Immerhin hat man hier etwas mehr Hinterlüftung der Eindeckung, mehr aber denn doch nicht.
Interessant waren folgende Anmerkungen:
1. Wir haben bislang jeden door-test (auf Nachfrage stellte sich heraus, es waren 2 Tests) standgehalten ( was immer das heißen mag ). Die Werte konnte der gute Mann allerdings nicht nennen.
2. Deshalb brauchen wir keine seperate Luftdichtschicht. Im Bereich der Kehlen und Grate, des Firstes und der anderen Übergänge kommt Dosenschaum zum sicheren Einsatz.
( Auf die Nachfrage, ob er wüßte, daß PU-Schaum im Sinne der DIN 4108 nun gerade nicht als dauerhaft und sicher gilt, kam die Antwort: wir haben bislang jeden door-test bestanden. s. o.)

3. Auch die Art der ja doch zumindest in den Randbereichen erforderlichen Befestigungen der Eindeckung war spannend.
Wurde uns hier doch die gute alte Hohlziegelklammer präsentiert. Als Kopfklammer, die von oben in das Polystyrol gesteckt wird, soll sie den Stürmen dieser Welt trotzen.
( Auch hier kam die Nachfrage, ob ihm denn bekannt sei, daß die Kopfklammer als solche ansich keine Zulassung mehr hätte und das mit der einfachen „Einsteckmethode“ sicherlich nicht die erforderlichen Auszugwerte eingehalten würden, wurde uns erklärt: Das wurde geprüft und das machen wir schon seit 25 Jahren so und es hat noch nie Probleme damit gegeben. Und man müsse schließlich immer Kompromisse eingehen)

Als weitere Befestigungsmöglichkeit präsentierte er uns schließlich noch den bekannten Schaum als das sicherste Mittel schlechthin. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Auch die Art der hier sichtbaren Befestigung des Systemes auf dem Sparren selber erscheint zumindest im Sinne der DIN 1055 (Annahme von Windlasten) recht fragwürdig. Ob nämlich eine Schraube (8 mm) mit einer ca. 22 mm breiten Unterlegscheibe ausreichend ist, wenn keine weiteren Latten o. ä. Zur Anwendung kommt?
Und was ist überhaupt mit den Schubkräften?

4. Auf die Frage, ob denn dieses System auch die Funktion einer Unterspannung oder einer Unterdeckung übernehmen könne, kam lediglich ein Achselzucken, mit der Bemerkung, wir haben noch nie Probleme in diesem Bereich gehabt.

5. Als Antwort auf die Problematik eindiffundierender Feuchtigkeit im Bereich von Feucht- bzw. Schlafräumen wurde erklärt, daß hier selbstverständlich eine Fermacell-Platte angeordndet werden müsse, da man ja schließlich nicht unter das Polystyrol gucken wolle. Unklar, weil ohne weitere Aussage des Herstellers, blieb die Frage, ob die Platte als Dampfbremse oder als Luftdichtschicht fungieren solle.

Solche Fachfirmen und auch die „seriösen“ Dachbeschichter lassen zumindest diese Messe als Fachmesse in einem etwas anderen Licht erscheinen. Seriöse und innovative Bereiche werden hingegen durch überhöhte Standgebühren abgewürgt.

Überhaupt war die Messe auch für den Verbraucher absolut überteuert. 7 Euro für den Parkplatz, der weder überdacht noch wirklich ordentlich war, was bei Dauerregen nicht gerade prickelnd wäre, dazu anders als z. B. In Hannover kein Shuttleservice, ist erheblich zu teuer.
Passend dazu die 12 Euro Eintrittsgeld, die für die Größe dieser Veranstaltung ebenfalls außerhalb jeden Rahmens stehen.

© stefan ibold 2003



Alter Klassiker in neuer Form.


Luftdicht und sturmsicher